Die Balance der Werte

von Karl-Heinz Bittl

Im A.T.C.C.-Ansatz verwenden wir den Begriff WERT als eine positive Orientierung, die mit anderen Menschen geteilt werden. Es gibt also keinen individuellen Wert. Die Idee das Werte individuell und beliebig entstehen und geformt werden können ist stark verbunden mit dem Konzept, dass wir alle unabhängig von einander leben und wirken können. Dem ist nicht so. Wir sind aufeinander angewiesen. Der WERT ist in unserem Ansatz an die 5 anderen Ebenen rückgebunden. So sind die Werte im Bezug zu den menschlichen Bedürfnissen, als Beispiel: Der Wert der Gesundheit ist mit allen Bedürfnissen verbunden: Liebe, Anerkennung, Sicherheit, Orientierung, Autonomie und Sinn. Die Strukturen sollten nach den Werten gestaltet sein. Als Beispiel der Güterverteilung ist der Wert Gerechtigkeit maßgebend. Kulturell werden die Werte unterschiedlich gedeutet. Das ist wichtig! So ist die Würde des Menschen ein elementarer Grundwert, doch was Würde bedeutet ist kulturell unterschiedlich. Nicht besser oder schlechter – einfach unterschiedlich. In den Ritualen zeigt jede Kultur die Lebenswirklichkeit eines Wertes. Können wir diese Ehren, die für uns Nahrungsmittel herstellen, die Kranken versorgen, die Kinder Erfahrungen und Wissen ermöglichen? Das Ritual ist der Dank. In der Coronakrise wird täglich um 21.00 Uhr aus den Fenstern geklatscht. Als Dank für die Menschen, die in der Klinik den katastrophalen Bedingungen trotzen.  Die Regeln, Gesetz und das Recht sind der Rahmen der Werte. Sie geben einem Wert eine Form und verhindern dessen Beliebigkeit. In der deutschen Geschichte wurde schon oft das Recht oder Gesetz „werte-los“ gemacht. Dann braucht es die Zivilgesellschaft, die sich dem entgegen stellt und verdeutlicht, dass es einen höheren Wert gibt, an den sich Gesetze zu orientieren haben. Aus diesem Grund braucht es mündige Bürger, die sich gegen jede Entwertung des Rechtes zur wehr setzen.

 

Die Werte befinden sich – aus unserem Verständnis- in einem rivalisierenden Bezug. Für ein Lebendiges Zusammenleben braucht es die Spannungen zwischen den Werten. So brauchen wir die Freiheit und die Treue, die Ehre und die Solidarität. Wir geraten immer wieder in Konflikte und Dilemmata. Das ist gut so, wenn wir damit umgehen können. Leider gibt es immer wieder Bestrebungen einzelne Werte so absolut zu setzen, dass die anderen Werte dann fast unsichtbar werden.  Wenn ein Wert eine absolute Bedeutung erhält, verlieren die Anderen ihre Berechtigung. Wir beschreiben das dann eine Pervertierung des Wertes. Wenn der Wert Gesundheit absolut wird, schränkt dies unsere Freiheit, Würde, Gleichheit, Wahrheit ein. Wird der Wert absolut, entsteht ein Ideal: die Unsterblichkeit. Wenn wir das alles machen, sind wir Meister des Todes. Mit dieser grandiosen Vorstellung sind dann viele Dinge möglich. Das Ideal „erlaubt“ dann „harte“ Einschnitte und erzeugt für Menschen in den Schaltstellen eines Landes eine allgemeine Ohnmachtssituation. Sie agieren willkürlich, manipulativ und mit massivem Zwang. Machtvoll nach unserem Verständnis wäre eine klare Verantwortung zu benennen, Aufgaben beschreiben und diskutieren. Vertrauen schaffen, in dem eine Hilflosigkeit auch beschrieben wird, und die Zivilgesellschaft in den Prozess einbezogen würde. Ein Dialog immer wieder gesucht und geschaffen wird. Glücklicherweise geschieht gerade beides. Wir erleben eine multiple Ohnmacht, die auf ein Ideal ausgerichtet ist und zugleich Macht, da es doch ausreichend zivilgesellschaftliche Kräfte gibt, die kontrollierend auf das Gebaren wirken.

 

Wir haben 10 Werte als Grundstock gefunden. Weitere Orientierungen lassen sich von diesen ableiten. Hier eine sehr knappe Schilderung der Werte:

Die 10 Werte im Einzelnen

 

  1. Der Wert Würde ist verbunden mit den Bedürfnis als Person wertgeschätzt und geliebt zu werden. Würde ist unabhängig von unserem Tun. Wir sind in Würde durch unser Sein. Jeder Mensch ist gleich an Würde. Würde wird verletzt, wenn wir Menschen zu Produkten oder Gütern werden. Zu Produkten werden wir, wenn wir „gemacht“ oder „beschult“ oder entsprechend „geformt“ werden. Zu Produktionsmitteln werden wir, wenn wir nur noch zweckgebunden Verwendung haben. Nur gute Konsument_innen oder nutz- und gewinnbringende Arbeitskräfte zu sein, stellt die Würde von uns Menschen in Frage. In Würde zu leben bedeutet: in Verbindung sein mit dem Wunder unserer Einzigartigkeit.

 

  1. Der Wert Ehre steht im Bezug zum Bedürfnis nach Anerkennung für unser Handeln und Wirken. Wir erleben in „Ehrungen“ eine Anerkennung für unsere Tätigkeit. Ehre braucht manchmal einen geregelten Wettkampf, um als Sieger*in die Ehrung zu erhalten. Ehre ist auf die Gruppe bezogen. Anerkennung und Ehre erhalten Menschen für eine, auf das Gemeinwesen bezogene, Handlung. Ehre zeigt sich durch wertschätzende Rückmeldungen, in Symbolen oder Ritualen. Entehrt wird der Mensch, wenn sein Denken, Handeln und Fühlen bedeutungslos werden. Ein wesentlicher Aspekt wurde hier von dem Philosophen Günter Anders aufgegriffen. Wird der Mensch gegenüber dem Produkt, das er hergestellt hat, antiquiert, also minderwertig, verliert er an Ehre. Dies ist eines der Probleme, die in der heutigen technischen Entwicklung auftreten. Die Arbeit hat häufig keine Ehre mehr.

 

  1. Der Wert Wahrheit steht im Bezug zum Bedürfnis nach Orientierung. Orientierung brauchen wir z.B. im Zusammenleben mit anderen Menschen. Durch die Wahrheit können wir uns auf die Aussage der*des Anderen verlassen. Wahrheit ist, ähnlich wie die anderen Werte, eine Konstruktion, die Einzelne wie eine Gruppe erschaffen, um sich gegenseitig zu „erkennen“ und zu „vertrauen“. Wahrheit kann in diesem Sinn auch eine Täuschung sein. Sie gilt jedoch für diese Gruppe als eine wichtige Orientierung. In der Entwicklung der neuen Medien ist Täuschung eine wichtige Eigenschaft. Es werden Welten, Beziehungen, ja Kommunikation vorgetäuscht. Für viele Menschen wird dadurch auch der Wert „Wahrheit“ unklar. Erst durch „Ent-täuschungen“ schaffen wir es auf den Kern von Wahrheit zu gelangen. Es scheint heute nicht die Lüge das Problem zu sein, sondern die täuschenden Wahrheiten.

 

  1. Treue steht in Bezug zu den Bedürfnissen Orientierung, Sicherheit und Autonomie. Durch den Wert Treue versuchen wir Menschen eine verlässliche, stabile und unabhängige Beziehung zu gestalten. Der Wert Wahrheit ist auf die Kommunikation, die Treue auf die Beziehung zwischen den Menschen ausgerichtet. Beziehungsereignisse sind z.B. Vereinbarungen oder Verträge, auf die wir uns verlassen wollen. Treue drückt sich durch Vertrauen aus. Die „Treue“ spielt in unserem Alltagsleben eine große Rolle. Wir vertrauen auf die Qualität des Essens, wenn wir es kaufen. Wir verlassen uns darauf, dass ein Auto an einer roten Ampel hält, sich die*der Fahrerende also gegenüber den Regeln treu verhält. Wir gehen davon aus, dass eine Ärztin ihrem und ein Arzt seinem Eid gegenüber treu ist, usw. Das Problem mit der Treue ist ähnlich wie bei der Kommunikation die Tendenz zur Täuschung, um z.B. den Gewinn zu maximieren. Das Interesse durch Gewinne viel Geld zur Verfügung zu haben lässt viele Menschen gegenüber ihren „Vertragspartner*innen“ untreu sein. Ein weiterer Versuch, diesen Wert in Frage zu stellen, ist die Idee der Sicherheit. Statt „Vertrauen auf die zivile Gestaltungsmacht“ suchen staatliche und wirtschaftliche Strukturen „todsichere Systeme“ der Überwachung und der Beseitigung von Gegner*innen. Durch Überwachungsprogramme oder Sicherheitssysteme wird suggeriert, dass durch Kontrolle die „unberechenbare“ Treue überflüssig wird. Eine gefährliche Entwicklung in Richtung totaler Kontrolle und Machtmissbrauch entsteht. Übrig bleibt Misstrauen.

 

  1. Schönheit ist ein Wert, der mit dem Bedürfnis nach Sinn und Kreativität korrespondiert. Die gesamte Ästhetik, die Lehre vom Schönen, ist verbunden mit der Frage nach dem „höheren“, dem Transzendenten. Alle Religionen und Philosophien haben eigene Ausdrucksformen des Schönen gebildet. Ob in den Kathedralen der christlichen Kirche oder den „Zuckerbäcker-Gebäuden“ der Stalinist*innen; je suchten sie einen „schönen“ Ausdruck für ihre Lehre zu schaffen. Schönheit ist eine zutiefst menschliche Sehnsucht. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise schön und damit reich an Würde. Jeder Mensch ist jedoch durch seine Erfahrung gerade an diesem Punkt empfindlich, wenn Schönheit im Vergleich bewertet wird. Durch eine maschinelle und technologische Entwicklung entstand die Vorstellung einer „Norm“ des Schönen. Die Natur wurde dieser Normierung unterworfen und zunehmend auch der Mensch. Es wird Zeit, dass wir in der Einzigartigkeit unsere Schönheit wahrnehmen lernen und uns gegen die „Norm“ der Maschinenwelt wehren. Künstlich geschaffene Lebewesen, die genetische Wunschabbilder sind, verletzen die Schönheit als Wert. Diese Idee von Schönheit erzeugt „wert-lose“ Produkte statt eine einzigartige menschliche Orientierung zu sein.

 

  1. Der Wert Gleichheit entstammt den Bedürfnissen nach Sicherheit und Autonomie. Gleichheit bezieht sich auf den Regelrahmen von Gruppen und Organisationen, in dem jede*r gleich an die Regeln und Pflichten gebunden ist. Ein auf den verfassten Werten gegründeter Staat ist gehalten alle vor dem Gesetz als gleich an Würde zu behandeln. Der Wert Gleichheit beschreibt ebenfalls, dass wir alle die gleichen Chancen zur Verwirklichung unseres Lebens erhalten sollen. Gleichheit ist die Grundlage für Integration und Inklusion. Alle haben die gleichen Chancen auf Entwicklung, Bildung und Gesundheit. Es darf keine Diskriminierung, also Benachteiligung auf Grund von äußerlichen Merkmalen geben. Der Wert Gleichheit bezieht sich jedoch nicht auf die Gleichheit im Denken. In absoluten, idealen Gesellschaften wird versucht eine Angleichung des Denkens zu erzwingen. Es gibt eine Tendenz, diese fundamentale Anpassung für „sozial“ zu erklären. Damit wird der Reichtum der Vielfalt beschnitten.

 

  1. Gerechtigkeit geht auf die Bedürfnisse von Sicherheit, Anerkennung und Orientierung ein. Der Wert Gerechtigkeit bezieht sich vorwiegend auf die Verteilung von Gütern und Gaben. Güter sind hier sehr umfassend gemeint. Es kann sich dabei um die Ressourcen dieser Welt handeln oder um die Zeit, die wir für etwas verwenden. Eine gerechte Verteilung der Güter würde bedeuten, dass jeder Mensch die Güter verwendet, die er gerade wirklich braucht. Gerecht ist es, wenn wir den nachfolgenden Generationen eine Chance für ein gutes Leben ermöglichen. Gerecht sein bedeutet nachhaltig zu denken und zu handeln. Gerechtigkeit schafft eine gute Grundlage für den Frieden. Der Wert Gerechtigkeit wird kulturell unterschiedlich interpretiert. Gerechtigkeit kann für eine Kultur bedeuten, dass jede*r das gleiche Stück vom Kuchen erhält. Sie kann aber auch bedeuteten, dass jede*r das erhält was sie*er zu einem guten Leben Dieses unterschiedliche Verständnis braucht den Dialog, um den Unterschied zu erkennen. Es wird dabei kein „richtig“ geben, sondern Annäherung.

 

  1. Gesundheit ist ein Wert, der einen starken Bezug zu allen Bedürfnissen hat. Mit der Gesundheit streben wir einen Zustand des umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens an. Der Wert Gesundheit birgt in sich, dass allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglicht und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit befähigt werden. Viele Menschen sind gezwungen in ungesunden Bedingungen zu leben. Ebenfalls viele Menschen entscheiden sich bewusst die eigene und die Gesundheit Anderer zu gefährden. In dem Wert Gesundheit steckt die Vorstellung vom „heil sein“. Es geht dabei um eine Orientierung, in der wir, mit all unseren Alterungsprozessen, stimmig bleiben. Der Tod ist dabei das notwendige Ende, auf das wir uns vorbereiten, indem wir gesund bleiben. In der Idealisierung der Gesundheit entsteht die Vorstellung, den Tod beherrschen zu können. Eine sehr alte und gefährliche Vorstellung, die viel Elend über die Menschen gebracht hat.

 

  1. Solidarität – Geschwisterlichkeit – Brüderlichkeit. Die Französische Revolution hat den Wert der „Fraternité“ neben der Gleichheit und der Freiheit verwirklichen wollen. Es geht dabei um das „Prinzip der gegenseitigen Hilfe“. Die Solidarität ist ein Wert, der den Bedürfnissen nach Liebe, Sicherheit und Sinn entstammt. Wir sind sozial orientierte Wesen und brauchen uns gegenseitig, um uns zu ernähren, zu kleiden, zu versorgen und zu kommunizieren. Auch wenn manche ökonomische Theorien dies bestreiten, die Grundlage des Wirtschaftens beruht auf dem Wert der Solidarität. Die Einen produzieren für die Anderen. Durch das gemeinsame Wirtschaften garantieren wir uns ein Leben in Fülle. Überfluss und Mangel entsteht durch die Angst vor Ablehnung oder Versagen und nicht aus dem Bedürfnissen nach Liebe und Anerkennung. Die neuere Hirnforschung bestätigt die Anlagen von uns Menschen zum Wohle Aller zu denken, zu fühlen und zu handeln. Es braucht nur die innere Erlaubnis dies auch zu tun.

 

  1. Freiheit beruht auf dem Bedürfnis autonom, also unabhängig, eine Entscheidung treffen zu können. Freiheit braucht die Auswahl, um entscheiden zu können. So ist es wichtig die inneren Optionen so zu gestalten, dass wir tatsächlich frei entscheiden können. Wir brauchen Strukturen und Gesetze, die uns eine Entscheidung ermöglichen. Freiheit steht in enger Verbindung zur Verantwortung. Freiheit ist, wie alle Werte, nicht beliebig. Sie hat ihren Rahmen in den Menschenrechten. Die Sehnsucht nach Freiheit lässt uns innere und äußere Gefängnisse aufbrechen. Freiheit ist der Wert, der es nicht zulässt, dass wir zu braven Konsument*innen und angepassten Produzent*innen verkommen. Freiheit ist die Quelle und die Orientierung unserer schöpferischen Kräfte. Die Freiheit des Konsums auf Kosten des Elends vieler Menschen ist unverantwortlich. Wir brauchen die Freiheit, die uns die Entscheidung ermöglicht im Sinne der anderen Werte zu handeln. Freiheit als absolut gesetzt bedeutet Krieg und Gewalt. Wir würden für die absolute Freiheit den Tod vieler in Kauf nehmen. Wir würden ohne Beziehung und Liebe sein.

 

 

Literaturhinweise:

Hannah Arend: Vita Activa, 2002

Ernst Bloch: Naturrecht und menschliche Würde, 1985

Martha C. Nussbaum: Gerechtigkeit oder Das gute Leben, 2016

Dorothee Sölle: Sympathie, 1981

Erich Fromm: Ihr werdet sein wie Gott, 1966, Gesamtausgabe 1980, S. 83 ff

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, 1984